Dinosaurier weinen nicht

Gepostet am 1. Okt 2016 in der Kategorie Weekend


Teil 2: “ Mama sagt: Dinosaurier weinen nicht!“

Im heutigen Weekend wollen wir über die Geschichte eines 5-jährigen Jungen schreiben, der bei seiner Grossmutter aufwächst. Mit seiner Mutter steht er eher in der Beziehung wie mit einer guten Freundin.

Aus Schutzgründen sowie aus Rücksicht gegenüber der notleidenden Familie werden wir in diesem Bericht andere Namen verwenden. Diese Geschichte über den Jungen Namens «Noah», die wir ihnen heute hier erzählen dürfen, ist aber Realität.

Noahs Welt sind die Dinosaurier und er kennt jeden Saurier beim Namen und ob es ein Fleischfresser oder Pflanzenfresser ist. Er schaut sich gerne Tierfilme an und wie andere Kinder ist er von Handys fasziniert. Er ist sehr aufgeweckt und mag vor allem Filme auf Englisch, obwohl das nicht seine Muttersprache ist.

Wie jedes Kind hat auch Noah Eltern, nur sind die nicht präsent in seinem Leben. Noah lebt in einem Miethaus mit seiner Oma im Erdgeschoss und im Obergeschoss lebt sein Onkel Daniel mit seiner Lebensgefährtin Lena. Die Wohnung ist mit diversen Möbeln eingerichtet und vom Platz her ist es sehr beengt, aber Noah stört es nicht. Im Keller spielt er gern verstecken oder Pirat, da auch alles mögliche herumliegt.

Für Noah ist seine Familie seine Mama (eigentlich die Oma), sein Onkel, Lena sowie seine Tante und der Lebensgefährte der Tante, den er auch Onkel nennt. Der Bezug zu seinem leiblichen Vater besteht nicht und auch zu seiner leiblichen Mutter hat er nicht das Verhältnis, dass man eigentlich kennt. Seine Grossmutter nennt er Mama, was auch nachvollziehbar ist, da sie seit seiner Geburt für ihn sorgt. Seine leibliche Mutter kennt er unter dem Namen «Mama Lydia» und weiss, dass er im Bauch von Lydia war und dann da rausgekommen ist. Wo aber die Mama Lydia ist, weiss Mama nicht und der kleine Noah auch nicht, denn sie kommt und geht wie sie möchte.

Für Noah ist der Alltag nicht wirklich strukturiert, denn irgendwie ist keiner da, obwohl doch 3 Erwachsene da sind. Für Noah ist es als Kind nicht nachvollziehbar was die Erwachsenen immer diskutieren. Mit seinen 5 Jahren schläft Noah nicht in einem separaten Kinderbett, sondern gemeinsam im Bett mit seiner Grossmutter. Die Bedeutung Grossmutter oder Oma ist für Ihn verwirrend, denn das ist für ihn „Mama“.

Wie jedes andere 5-jährige Kind ist auch Noah neugierig und plappert drauf los, wenn es um sein Lieblingsthema „Dinosaurier“ geht. Er will alles wissen und vieles hat er bereits in Erfahrung gebracht. Aber da wäre noch eine Frage, die er Mama stellen muss: „Weinen Dinosaurier?“. Bestimmt amüsieren wir uns ein bisschen über diese Frage, die Noah sich hier stellt. Eigentlich eine  typische Interessens-Frage, aber die Intensität mit der Noah sich damit befasst stimmt einem nachdenklich, denn es scheint fast so, als identifiziere er sich damit. Auch dies kann ganz normal sein bei Kindern in diesem Alter. Doch wenn man Noah beobachtet, scheint es, wie wenn er daraus seine eigene Kraft schöpft und sich selber damit unbesiegbar macht. Er gibt sich stark und unnahbar, jedoch sieht es in ihm ganz anders aus.

Durch diverse Erlebnisse, die Noah schon früh machen musste, ist er Strukturen oder tägliche Abläufe nicht gewohnt. Die Erwachsenen sind untereinander zu beschäftigt mit Ihren Problemen und Diskussionen. Wer hier wirklich die Verantwortung übernimmt für den 5-Jährigen Buben, scheint nicht wirklich geklärt zu sein. Er lebt zwar bei Mama aber das Sorgerecht und damit auch die Verantwortung liegt bei Mama Lydia, die aber gar nicht wirklich da ist. Diese Unsicherheit spürt Noah, nur kann er es noch nicht verstehen und reagiert instinktiv. Da seine Vertrauensperson, an die er sich emotional klammert, gesundheitlich nicht stabil ist, weckt das in Noah das Bedürfnis, seiner Mama zu helfen.

Sie denken jetzt, das ist doch süss!
In der Geschichte von Noah ist es aber so, dass er sich stetig in der Rolle eines Erwachsenen sieht. Er nimmt die Rolle der Verantwortung auf sich, um seiner Grossmutter zu helfen und ist natürlich komplett überfordert damit. Deshalb auch die Reaktion sich mit etwas zu identifizieren, dass stark und unverletzbar ist.

Kinder sind Überlebenskünstler und oft geht dabei die Kindheit verloren. Der Preis, den hier das Kind bezahlt, ist in meinen Augen zu hoch um einfach wegzuschauen. Denn die Tatsache, dass das Kind früh erlebt, «ich muss alleine kämpfen» oder «ich werde alleine gelassen», beeinflusst seine soziale Entwicklung stark. Was schliesslich Entwicklungsstörungen zur Folge haben kann.

Bei Noah zeigt es sich in verschiedenen Bereichen. Obwohl er ein offenes und herzliches Kind ist. Noah ist sehr schnell verunsichert sowie auch überfordert in einer Gruppe von Kindern. Lieber spielt er für sich oder mit den Erwachsenen, was es ihm schwierig macht später im Kindergarten und der Schule. Denn schon ein Vormittag von 3 Std. mit anderen Kindern fordert ihn extrem. Wenn dann noch die Erwartungen, die an ein Kind gestellt werden, dazu kommen ist er schlicht überfordert. Aus diesen Verstrickungen ergibt sich dann Ausgrenzung und Noah findet nur schwer Anschluss, da oft Vorurteile oder Unverständnis bestehen.

Die Grossmutter ist geprägt und in Ihrer Opferhaltung zieht sie sich schnell zurück. Der neue Kontakt zu Spielkameraden oder Anderen ist damit natürlich sehr erschwert, da auch nicht Kinder gegrüsst werden dürfen, wenn Mama sich nicht mehr mit der erwachsenen Person versteht. Die Angst und Verzweiflung der Grossmutter, überträgt sich somit indirekt auf Noah.

Auch kämpft er immer wieder mit der Angst allein gelassen zu werden. Was es schwierig macht auf eine gesunde Art Beziehungen aufzubauen.

Dadurch, dass Noah keine Spielkameraden hat und auch wenig mit Gleichaltrigen spielt ist er noch mehr auf Erwachsene fixiert. Seine Grossmutter hat oft nicht die Kraft mit ihm so zu spielen, wie er es braucht, was auch verständlich ist. Noah spielt oft für sich alleine, schaut Bücher an oder beschäftigt sich mit verschiedenem im Haus. Unter anderem auch mit Youtube, was zur Folge hat, dass er viel weniger wie andere angeregt wird in der Kommunikation und sich nicht mitteilen oder mit Fragen auseinandersetzen muss. Somit beherrscht er auch die Sprache nicht so wie andere in seinem Alter. Sein Wortschatz ist kleiner und es fällt ihm schwer sich auszudrücken. Er benutzt viele Begriffe noch nicht gezielt und spricht sehr schnell. Dadurch ist es sehr undeutlich und man muss sich sehr konzentrieren um das wirre Deutsch zu verstehen. Auch dies ist wieder eine Schwierigkeit mehr, um mit anderen in Kontakt zu kommen.

In Stresssituationen, die stark mit seiner Emotionen zusammenhängen (Verlustängste), hat er Mühe seinen Körper wahrzunehmen und darauf zu hören, wann er zum Beispiel auf die Toilette muss. Diese Ausrutscher passieren leider des öfteren und auch hier läuft die Gefahr, dass er im Kindergarten dann gehänselt wird, was für Noahs Entwicklung nicht förderlich ist. Er ist bereits mit 5 Jahren ein geprägtes Kind und merkt sich sehr schnell Situationen, die er im stillen für sich verarbeitet.

Ein weiterer bewegender Moment war, als Noah eine Banane bekommen hat. Er ass nur die Hälfte mit der Begründung, dass die andere Hälfte in den Kühlschrank muss, damit er am nächsten Tag auch noch was zu essen hat. Als ich nachfragte, sagte er: „Mama hat nicht viel Geld und Essen ist teuer“. Ich fragte ihn, ob ihn das traurig mache? Seine Antwort war: „Mama sagt, Dinosaurier weinen nicht!“.

Ich denke in diesem Moment schütteln Sie den Kopf und sind entsetzt. Solche Fälle sind keine Einzelfälle, denn Kinder wie Noah nehmen bereits mit 5 Existenzprobleme wahr und sagen: „Ich muss schnell gross werden, damit ich arbeiten kann“.

Dies sind nun mal einige Punkte mit denen der kleine Mann zu kämpfen hat. Beim näheren Hinsehen fallen diverse Sachen auf und dass die Grossmutter mit IV Rente, hier total überfordert ist, dass ist mehr als verständlich. Alles was in dem Kind vorgeht ist geschickt hinter den grossen und unbesiegbaren Dinosauriern versteckt. Doch finde ich es wichtig hinzuschauen und dem Kind die nötige Unterstützung an die Seite zu stellen, so dass in diesem Fall jetzt Noah sich nicht mehr hinter den Dinos verstecken muss und wissen darf, dass auch Dinosaurier weinen dürfen. Unser Rat an Noahs Grossmutter ist, hier unbedingt professionelle Unterstützung zu holen. Für Noah aber auch für sie selbst und die Hausbewohner. Eine psychologische Abklärung für Noah ist hier unumgänglich und auch weiter benötigt es Unterstützung im Bereich der Logopädie.

Eine Heilpädagogin könnte hier als Erstes eine Abklärung machen, wo Noah in seiner Entwicklung steht und je nach Entwicklungsstand wird dann eine Abklärung beim KJP empfohlen, die weiteren Aufschluss gibt. Erst wenn die Tests ausgewertet sind, kann das KJP einen Antrag an den Kanton stellen; zum Beispiel eine Heilpädagogin im Kindergarten beantragen oder der Besuch in einer Sonderschule. Die diversen Baustellen sind bereits schon so massiv, das hier eine einzelne Person nicht wirklich helfen kann.

Diesen Bericht zu verfassen, war für mich eine wahre Herausforderung. Ich musste mich immer wieder daran erinnern, dass es mir nicht zusteht darüber zu urteilen warum die Situation so ist, oder warum die Mutter ihre Verantwortung nicht wahrnimmt und wo der Vater in dieser ganzen Geschichte ist. Das Einzige, dass wir tun können ist zuhören, beobachten und Unterstützung anbieten soweit es uns möglich ist und die notleidenden Personen das auch zulassen.

Wichtig ist hier Step by Step, um Überforderung zu vermeiden. Gerade so Familien sind oft sehr geprägt, da Ihre Situation Ihnen über den Kopf wächst und die Angst, dass man das Kind wegnimmt ist natürlich gross. Professionelle Hilfe, Therapien und vor allem das Wort «Behörden» schreckt viele ab. Unsere Gesellschaft ist oft mit anderen „Weltthemen“ beschäftigt und das es notleidende Kinder in der Schweiz gibt, wird erst mal ignoriert oder nicht wahrgenommen, da man denkt, dass es doch genug Hilfe gibt. Fakt ist aber, dass diese Kinder oft erst (zu) spät Unterstützung erhalten. Vorher ist man oft auf sich alleine gestellt.

In Noahs Fall wird nun der Kindergarten weitere Abklärungen machen. Der Kindergarten arbeitet mit Heilpädagogen aus der Schulbehörde und der Gemeinde zusammen. Alle Kinder werden automatisch vom Kindergartenlehrer/in sowie von den Heilpädagogen in Augenschein genommen. Zeigt ein Kind Auffälligkeiten wie jetzt unser Noah, kann als nächstes auch der Stundenplan im Kindergarten reduziert werden, um das Kind nicht weiter zu überfordern. Das Kind wird einzeln bei der Heilpädagogik abgeklärt und für Noah wird das ganze Prozedere wieder einmal aufzeigen, dass er nicht erwünscht ist und aus dem Rahmen fällt. Damit sind die Probleme nicht gelöst und weitere Unterstützung ist notwendig, die in Noahs zuhause stattfinden muss.

Ich bin überzeugt, dass wenn man hier bereits vor dem Kindergarten unterstützt hätte, die ganze Situation nicht so massiv aus dem Ruder gelaufen wäre. Mit unserem Patenschafts Projekt möchten wir hier Unterstützung anbieten und bedürftige Kinder wie Noah frühzeitig auffangen. In unserer subventionierten Spielgruppe können wir die Kinder fördern und vernetzen die Eltern mit anderen Fachpersonen, die Ihr Kind und auch die Familie unterstützen können.

Jedes Kind hat ein Recht auf seine Kindheit und dass es sich kindgerecht entwickeln kann.

Wir sind sehr bemüht unsere Netzwerke in der ganzen Schweiz auszubauen und mit Pädagogen zusammenzuarbeiten, die auch mal bereit sind solche Kinder ehrenamtlich abzuklären, um Ihnen den Weg in Ihre Zukunft zu erleichtern. Wenn Sie Kinder in der Schweiz unterstützen möchten, dann freuen wir uns auf Ihre Mitgliedschaft, die bedürftigen Kindern eine Subventionierung in unserer Spielgruppe sowie dem Mittagstisch ermöglichen.

Weitere Infos erhalten Sie hier auf unserer Homepage oder via Mail: info@protectedchild.ch.


Wir freuen uns über ein Feedback und ein LIKE auf unserer Homepage www.protectedchild.ch sowie auf unserer Facebook-Fanseite. Zudem gibt es unsere Facebook-Gruppe «Protected Child Community», wo ihr alle unsere Beiträge nachlesen und euch darüber austauschen könnt.

Team Protected Child

(Copyright Bild: www.google.ch/dinosaurier)

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Autorin: Marissa

1. Okt 2016

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